WIEN

Der 1209 vom heiligen Franz von Assisi gegründete Bettelorden der minderen Brüder (lateinisch fratres minores, Minoriten), der 1210 von Papst Innozenz III. gebilligt und dessen Regel 1221/1222 bestätigt wurde, war eine Massenbewegung, die wegen der praktizierten einfachen und von der herkömmlichen Hierarchie bewußt abweichenden Lebensweise der Brüder und ihres volkstümlichen Auftretens vor allem in den Städten rasch Anklang fand; bereits ab 1219 entstanden Niederlassungen außerhalb Italiens, das Kloster in Wien wurde 1224 gegründet (Minoritenkloster).

Auseinandersetzungen um die mehr oder weniger strenge Einhaltung des Armutsgelübdes setzten schon im 14. Jahrhundert ein; sie gipfelten in der Abspaltung der radikalen Observanten (lateinisch observare = beachten, einhalten), an deren Spitze 1443 Johannes Capistran trat, von den Konventualen, welche die mildere Richtung vertraten (Dispensierung von der Armut; 1517 war die Trennung der beiden Ordenszweige endgültig). In Wien, wo Capistran 1451 ein Observantenkloster bei St. Theobald auf der Laimgrube gegründet hatte (nach 1529 in die Stadt verlegt; Franziskanerkloster), bürgerte sich für die Observanten die Bezeichnung „Franziskaner" und für die Konventualen die Bezeichnung „Minoriten" ein.

 

Als weiblicher Zweig („Zweitorden") waren 1212 die Clarissen entstanden (gegründet vom heiligen Franz und der heiligen Clara; Kloster in Wien 1303), der sogenannte Drittorden, für weltliche Personen bestimmt, ist ab 1230 nachweisbar, in Wien ab 1302).

 

In einem Brief, der offen aushing, schrieb Franziskus "an alle frommen Christen, die Geistlichen und Laien, Männer und Frauen und alle, die in der Welt wohnen. Jene, die nach Vollkommenheit streben, mit reinem Geist und Herzen, die so tun und dabei verharren bis ans Ende, wird der Geist des Herrn ruhen. Er wird in ihnen eine bleibende Wohnstatt aufschlagen und sie werden Söhne und Töchter des himmlischen Vaters sein, dessen Werke sie also tuen. Sie sind wie Bräute und Brüder und Mütter unseres Herren Jasus Christus. Bräute, wenn sie als gläubige Seelen sich Jesus Christus im Heiligen Geist verbinden. Brüder, wenn sie den Willen ihres Vaters tun, der im Himmel ist. Und Mütter, wenn sie ihn durch Liebe und ein reines Gewissen in ihrem Herzen und in ihrem Leibe tragen und ihn gebären durch en Wirken in Heiligkeit, das anderen als Vorbild voranleuchtet."

(Aus: "500 Jahre Franziskaner der österreichischen Ordensprovinz (1451-1951)";

Selbstverlag der österr. Franziskanerprovinz; Dezember 1950)

 

Diese Worte galten also schon ab dem Jahr 1302 auch für die ersten Tertiare in Wien. Der Sekretär des hl. Bonaventura schrieb über den Dritten Orden: "Der Dritte Orden ist gemeinschaftlich für Priester und Laien, Jungfrauen, Witwen und Eheleute. Der Grundsatz der Schwestern und Brüder von der Buße ist es, rechtschaffen in ihren Häusern zu leben, fromme Werke zu üben und die Hoffart der Welt zu fliehen. Unter ihnen sieht man Adelige, Ritter und andere Große dieser Welt in demüter Eintracht so schön mit Armen und Reichen, mit Ausgestoßenen und Hilfsbedürftigen umgehn, dass darin ihre ganze Gottesfurcht zu erkennen ist."

 

Ab dem Jahr 1303 rief die heilige Drittordensregel die Wiener Tertiare regelmäßig zu den Gnadenquellen des Herrn, wie den heiligen Sakramenten und den Opfersegen der Heiligen Messe. Im austausch von Erfahrungen und im täglichen Umgang mit den Mitmenschen werden sie geschult für Wort und Werk. Die Leitung des Dritten Ordens in Wien lag viele Jahrhunderte in der Hand des Ersten Ordens und ist heute noch untrennbar mit diesen verbunden. Zwar hat jede Gemeinde einen eigenen Vorstand, die geistliche Assistenz ist aber durch den Ersten Orden gewährleistet und kommt ihr solcherart auch eine hohe Verantwortung zu. Beide - Vorstand und geistliche Assistenz - sorgen für die Beachtung der strnegen und zugleich auch milden Ordensregel. Dabei ist wichtig, dass die persönliche Freiheit des Einzelnen nicht zusehr beschränkt wird, dennoch aber Regel und Evangelim geachtet werden. Franziskanische Frömmigkeit ist IMMER heiter und tatbereit.

 

Mit dem dritten Orden in Wien - wie auch in anderen Regionen - ist es ein bisschen wie mit dem Meer: es gibt Gezeiten, Aufs und Abs, Zuwächse und Rückgänge. Durch unseren Papst Franziskus ist der Ruf nach Armut und Besinnung, nach Unterstützung der Randgruppen wieder lauthörbar geworden. Hier sehen die Gemeinschaften des OFS besonders in Wien ihre großeAufgabe und Herausforderung. In unserer Großstadt ist das Wimmern des Einzelnen kaum noch zu hören. Er wird ignoriert, es wird weggesehen und ausgegrenzt. So wollen wir in Wien besonders für die Obdachlosen da sein, aber auch Beistand für Ratlose und -suchende sein.

 

Immer am ersten Sonntag im Monat treffen wir einander im Forum des Wiener Franziskanerklosters zum so genannten KAPITELSONNTAG. Hier wird ausgetauscht, gebetet und gemeinsam Eucharistie gefeiert.

 

Im November besuchen wir gemeinsam die Grabstelle unserer Geschwister auf dem Wiener Zentralfriedhof. Wir halten Exerzitien mit den anderen Geschwistern der Region, Einkehrtage und begeben uns auf Wallfahrten.

 

Unser Gemeindeabend - am zweiten Donnerstag nach dem Kapitel im ZFB (Zentrum franziskanischer Begegnung, in Himmelpfortgasse 19/Top 4; 1010 Wien;) - dient dem gemeinsamen Gebet und der Stärkung des Glaubens, der Stütze und Begleitung sorgenbelasteter Geschwister und der Vertiefung von Wissen und Spiritualität.